Enger Ausschnitt bunter Hausfassaden aus der Kolonialzeit mit Fenstern und Giebeln

Geschichte

Geschichte von Lüderitz

Ein Landkauf mit falschen Meilen, ein Lager auf einer Insel vor der Stadt, dann Diamanten im Sand. In Lüderitz steht die deutsche Kolonialzeit noch in den Straßen, mit ihren schönen und ihren dunkelsten Kapiteln.

Foto: 123RF

Früher Morgen an der Bismarckstraße. Der Südwind hat schon angefangen, Möwen stehen fast still über dem Hafen. Die Giebel sind grün, gelb und rot. Oben auf dem Granit steht die Felsenkirche. Viele dieser Häuser entstanden in den wenigen Jahren nach dem Diamantenfund von 1908.

Die Geschichte davor und danach ist weniger bunt. Sie beginnt mit einem portugiesischen Seefahrer, führt über einen Landkauf, bei dem die Verkäufer betrogen wurden, zu einem Konzentrationslager auf der Insel vor der Stadt. Und sie ist nicht abgeschlossen: Um den Namen der Stadt wird bis heute gestritten.

Dias in der Bucht
1487nannte sie Angra Pequena
Landkauf
1. Mai 1883Vogelsang und Josef Frederiks II.
Deutsches Schutzgebiet
7. August 1884
Lager Haifischinsel
1905 bis 1907Völkermord an Herero und Nama
Diamantenfund
April 1908bei Grasplatz
Einwohner
rund 16.100Zensus 2023

Dias und die kleine Bucht

1487 segelte Bartolomeu Dias als erster Europäer in die Bucht, so steht es in der deutschen und der englischen Wikipedia. Er nannte sie Angra Pequena, kleine Bucht. Am 25. Juli 1488 stellte er auf der Landspitze westlich der Stadt eine steinerne Kreuzsäule auf, einen Padrão. Die Schwesterseite kolmanskop.de schreibt, Dias sei 1488 an Land gegangen. Den Ort der Säule kannst du heute am Diaz Point besuchen, dort steht eine Nachbildung.

Danach passierte lange wenig. Die Küste war trocken, das Hinterland Land der Nama. Interessant wurden zuerst die Inseln vor der Bucht, auf denen Pinguine und Seevögel meterdick Guano hinterlassen hatten. Die Briten nahmen sie ab den 1860er Jahren in Besitz, die deutsche Wikipedia nennt 1861, der Artikel zu Halifax Island 1866.

Vogelsang, Lüderitz und der Meilenschwindel

Am 9. April 1883 ging Heinrich Vogelsang in Angra Pequena an Land, ein junger Kaufmann aus Bremen. Er arbeitete für Adolf Lüderitz, einen Bremer Tabakhändler, der in Afrika ein eigenes Handelsgebiet wollte. Am 1. Mai 1883 kaufte Vogelsang von Josef Frederiks II., dem Kaptein der Nama von Bethanien, die Bucht und das Land im Umkreis von fünf Meilen. Der Preis: 100 Pfund in Gold und 200 Gewehre. Als Gründungstag der Stadt nennt die deutsche Wikipedia den 12. Mai 1883. Der Ort hieß zuerst Lüderitzort, die Handelsstation Fort Vogelsang.

Im August 1883 folgte ein zweiter Vertrag, laut deutscher Wikipedia am 25. August. Diesmal ging es um den Küstenstreifen vom Oranje bis zum 26. Breitengrad, 20 Meilen tief, für 500 Pfund und 60 Gewehre. Frederiks rechnete mit englischen Meilen, etwa 1,6 Kilometer. Lüderitz meinte deutsche geographische Meilen, etwa 7,5 Kilometer. Der Unterschied machte aus einem schmalen Streifen ein Gebiet von fast fünffacher Tiefe. Lüderitz schrieb an Vogelsang: „Lassen Sie Joseph Fredericks aber vorläufig in dem Glauben, daß es 20 englische Meilen sind.“ In Deutschland heißt das bis heute der Meilenschwindel.

Am 7. August 1884 wurde in der Bucht die deutsche Flagge gehisst. Das Reich stellte Lüderitz’ Erwerbungen unter seinen Schutz, es war der Anfang der Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Lüderitz selbst hatte wenig davon. Das Geschäft lief schlecht, 1885 verkaufte er „Lüderitzland“ an die Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika. Am 23. Oktober 1886 verschwand er mit Joseph Steingroever in einem Faltboot vor der Oranjemündung. Man fand ihn nie. Die Kolonialgesellschaft nannte die Bucht danach Lüderitzbucht, und 1903 bekam er ein Denkmal in der Stadt.

Krieg, Bahnbau und das Lager auf der Haifischinsel

Bis 1904 blieb Lüderitzbucht ein kleiner Landeplatz. Dann kam der Krieg. Im Kampf gegen Herero und Nama stationierte das Reich hier die Schutztruppe, die Bucht wurde ihr Nachschubhafen. Für den Transport von Waffen und Soldaten ins Landesinnere entstand ab 1904 die Bahn, der Bahnhof Lüderitz stammt aus diesem Jahr. Die Strecke erreichte 1908 Seeheim, 318 Kilometer landeinwärts. Gebaut haben sie nach der englischen Wikipedia Häftlinge aus dem Konzentrationslager auf der Haifischinsel.

Die Haifischinsel (Shark Island) liegt direkt vor der Stadt. Im März 1905 brachte die Kolonialmacht die ersten Herero aus Keetmanshoop dorthin, ab August 1906 Nama, per Viehwaggon und Schiff. Ende 1906 waren es rund 2.000 Nama. Die Gefangenen mussten arbeiten: an der Bahn, am Hafen, und beim Sprengen der Insel selbst, die durch Aufschüttungen ab September 1906 zur Halbinsel wurde. Ein deutscher Techniker klagte Ende 1906, von 1.600 Nama-Arbeitern seien bei sieben bis acht Toten am Tag nur noch 30 bis 40 arbeitsfähig.

Gefangene wurden vergewaltigt, gefoltert und hingerichtet. Schädel von Toten wurden zu „Forschungszwecken“ nach Berlin verschifft, der Stabsarzt Bofinger machte Versuche an Skorbutkranken. Der Nama-Führer Cornelius Fredericks starb am 16. Februar 1907 auf der Insel, nach der deutschen Wikipedia wurde er enthauptet und sein Schädel nach Deutschland geschickt. Im April 1907 ließ Major Ludwig von Estorff das Lager schließen und die Überlebenden auf ein offenes Gelände an der Radford Bay bringen. Die deutsche Wikipedia nennt als Grund das Drängen der Missionare.

Die Zahlen der Toten gehen auseinander. Die englische Wikipedia nennt 1.032 bis 3.000 Tote zwischen März 1905 und April 1907, nach den Akten allein 1.203 tote Nama bis März 1907. Mit den übrigen Lagern an der Lüderitzbucht könnten es nach demselben Artikel mehr als 4.000 Menschen gewesen sein, die dort in Gefangenschaft gestorben sind. Die deutsche Wikipedia schreibt im Artikel über die Stadt, von rund 2.000 Inhaftierten hätten etwa 450 überlebt. Im ganzen Land starben im Völkermord nach Angaben der Zeitung New Era rund 100.000 Herero und Nama, etwa 80 Prozent der Herero und die Hälfte der Nama.

Anerkennung und Gedenken

Erst im Oktober 2015 nannte das Auswärtige Amt die Verbrechen offiziell Völkermord. Im Mai 2021 einigten sich Deutschland und Namibia auf ein Abkommen, am 28. Mai 2021 bestätigte es Außenminister Heiko Maas: eine Entschuldigung und 1,1 Milliarden Euro über 30 Jahre. In Namibia ist das Abkommen umstritten.

Seit dem 15. Februar 2019 ist die Haifischinsel nationaler Gedenkort, ein Denkmal erinnert an Cornelius Fredericks und die anderen Opfer. 2024 erklärte Namibia den 28. Mai zum nationalen Gedenktag für den Völkermord, 2025 fand die erste Feier statt, 2026 wurde am 27. und 28. Mai auf der Haifischinsel selbst gedacht. Lange stand auf dem Gelände ein Campingplatz der staatlichen Gesellschaft NWR. Ende Juli 2025 kündigte NWR nach Jahren des Protests den Rückzug an, der Ort geht an den National Heritage Council. Als Pläne für eine Hafenerweiterung im April 2024 die Halbinsel berührten, widersprachen Vertreter der Herero und Nama.

AchtungGeh auf die Haifischinsel als Gedenkort, nicht als Aussichtspunkt. Lies vorher den Eintrag zur Haifischinsel, und frag vor Ort, welche Teile gerade zugänglich sind.

Diamanten im Flugsand, 1908

Im April 1908 schaufelte Zacharias Lewala bei der Bahnstation Grasplatz Flugsand von den Gleisen. Er kannte Diamanten aus der Mine von Kimberley. Die Steine brachte er seinem Vorgesetzten, dem Bahnmeister August Stauch aus Thüringen. Als Datum nennt die deutsche Wikipedia im Artikel über Lewala den 10. April, im Artikel über Emil Kreplin den 8. April 1908. Das Claim sicherte sich Stauch, nicht Lewala: 75 Quadratkilometer bei der Kolmannskuppe. Laut kolmanskop.de erließ die Kolonialverwaltung am 22. September 1908 die Sperrverordnung, aus der das Sperrgebiet wurde.

Wie der Fund weiterging und wie aus dem Hügel hinter der Stadt die Siedlung Kolmanskop wurde, erzählt die Schwesterseite ausführlich: Der Diamantenfund 1908, August Stauch und der Aufstieg.

Die reichen Jahre bis 1914

Zwischen 1908 und 1913 kamen aus dem Sperrgebiet 4.693.321 Karat Diamanten im Wert von rund 152 Millionen Mark, mindestens 40 Prozent davon flossen als Steuer an die Kolonie. Lüderitzbucht wurde reich. Erster Bürgermeister war Emil Kreplin, Stauchs früherer Vorgesetzter bei der Bahn. 1912 zählte die Stadt 1.100 Einwohner, die afrikanische Bevölkerung nicht mitgerechnet.

In diesen Jahren entstand die Altstadt, die du heute siehst. 1907 die Deutsche-Afrika-Bank, 1909 das Haus von Kreplin, 1909 und 1910 das Goerke-Haus am Diamantberg für den Diamantenmanager Hans Goerke. 1912 wurde die Felsenkirche geweiht, bezahlt mit Spenden aus Deutschland. Ein eigenes Kraftwerk versorgte die elektrischen Werksbahnen zu den Diamantenfeldern, laut englischer Wikipedia galt es damals als das größte in Afrika.

Jugendstilvilla mit Turm und Erkern am Hang, davor Palmen
Das Goerke-Haus am Diamantberg, gebaut 1909 und 1910 mit Geld aus den Diamantenfeldern. Foto: 123RF

1914, Mandat und die stillen Jahrzehnte

Am 19. September 1914 besetzten südafrikanische Truppen Lüderitzbucht ohne Kampf. Die deutschen Zivilisten wurden interniert. Nach dem Krieg kam das Land als Mandatsgebiet Südwestafrika unter südafrikanische Verwaltung.

Ab 1920 zog der Diamantenabbau nach Süden, nach Pomona und Elizabeth Bay. Der Stadt blieben Fischfang, Bootswerften und Webereien, die Teppiche aus Karakulwolle herstellten. In den 1970er Jahren lebten nur noch rund 2.000 Menschen hier. Zur Hundertjahrfeier 1983 wurden viele Kolonialbauten restauriert, in den 1990er Jahren folgten weitere Straßenzüge. Bis 1994, als Walvis Bay zu Namibia kam, war Lüderitz der einzige brauchbare Hafen des Landes.

ǃNamiǂNûs: der Streit um den Namen

1993 schlug Dawid Fredericks, Kaptein der ǃAman, einen neuen Namen vor: ǃNamiǂNûs, nach der deutschen Wikipedia „Umarmung“. So heißt in Khoekhoegowab auch das Gebiet der Haifischinsel. 2012 billigte das Kabinett den Namen. Im August 2013 proklamierte Präsident Pohamba die Umbenennung, die deutsche Wikipedia nennt den 9., die englische den 8. August.

Umbenannt wurde aber nur der Wahlkreis. Am 21. August 2013 kamen mehr als 600 Menschen in die Turnhalle, um gegen einen neuen Stadtnamen zu protestieren. 2014 benutzte die Wahlkommission ǃNamiǂNûs in amtlichen Mitteilungen, Minister Kawana stellte klar, es gehe nur um den Wahlkreis. Ein Jurist erklärte, den Ort könne nur der Minister umbenennen, und zwar auf Antrag der Kommune. Im Februar 2015 sagte die Bürgermeisterin, eine Entscheidung sei nicht gefallen. Die Stadt heißt amtlich weiter Lüderitz, der Wahlkreis ǃNamiǂNûs. Der Stadtrat nennt sich Lüderitz Town Council.

Lüderitz heute: Langusten, Hafen, Wasserstoff

Beim Zensus 2023 hatte Lüderitz 16.125 Einwohner laut Wikipedia, 16.156 laut citypopulation.de und Wikidata. Die Stadt lebt vom Hafen und vom Meer, vor allem von Langusten, die nach Spanien und Japan gehen. Die Fangquoten wurden wegen Überfischung gesenkt. Diamanten holen die Minen heute überwiegend vor der Küste Richtung Oranjemund.

An der Waterfront eröffnete 2002 der erste Abschnitt. Im alten Kraftwerk der Kolonialzeit baut die Stadt seit 2013 den zweiten, und dort öffnete im September 2024 das Namibia Maritime Museum.

Die größte Frage für die Zukunft heißt Hyphen. Südlich der Stadt, im Tsau-ǁKhaeb-Nationalpark, soll mit Wind und Sonne grüner Wasserstoff entstehen und in Lüderitz zu Ammoniak für den Export werden. Gebaut ist davon im September 2026 noch nichts.

Quellen: Wikipedia, Artikel „Lüderitz“ (deutsch und englisch), „Adolf Lüderitz“, „Shark Island concentration camp“ und „Völkermord an den Herero und Nama“, New Era (Juli 2025), The Namibian (April 2014) und die Projektseite von Hyphen.

Häufige Fragen zur Geschichte von Lüderitz

Warum heißt die Stadt Lüderitz?

Lüderitz ist nach dem Bremer Tabakkaufmann Adolf Lüderitz benannt, dessen Beauftragter Heinrich Vogelsang 1883 die Bucht Angra Pequena und das Land dahinter von den Nama kaufte. Nachdem Adolf Lüderitz 1886 vor der Oranjemündung verschollen war, nannte die Deutsche Kolonialgesellschaft die Bucht Lüderitzbucht.

Was war der Meilenschwindel von Lüderitz?

Beim zweiten Kaufvertrag im August 1883 verkaufte der Nama-Kaptein Josef Frederiks II. einen Küstenstreifen von 20 Meilen Tiefe und rechnete mit englischen Meilen von etwa 1,6 Kilometern. Adolf Lüderitz legte deutsche geographische Meilen von etwa 7,5 Kilometern zugrunde und ließ Frederiks bewusst im Glauben, es seien englische.

Was geschah auf der Haifischinsel in Lüderitz?

Auf der Haifischinsel (Shark Island) in Lüderitz betrieb die deutsche Kolonialmacht von 1905 bis 1907 ein Konzentrationslager für Herero und Nama, die dort Zwangsarbeit leisten mussten. Die englische Wikipedia nennt zwischen 1.032 und 3.000 Tote. Seit 2019 ist der Ort ein nationaler Gedenkort Namibias, mehr dazu unter Haifischinsel.

Heißt Lüderitz heute ǃNamiǂNûs?

Nein. Seit 2013 heißt nur der Wahlkreis ǃNamiǂNûs, die Stadt heißt amtlich weiter Lüderitz, und der Stadtrat tritt als Lüderitz Town Council auf. Nach Auskunft eines namibischen Juristen könnte nur der zuständige Minister die Stadt umbenennen, und zwar auf Antrag der Kommune.

Wer fand die ersten Diamanten bei Lüderitz?

Der Gleisarbeiter Zacharias Lewala fand im April 1908 bei der Station Grasplatz östlich von Lüderitz die ersten Diamanten und brachte sie seinem Vorgesetzten, dem Bahnmeister August Stauch. Stauch sicherte sich die Claims, und Lüderitz erlebte bis 1914 seine reichsten Jahre.